Die Wohnung als Unfallquelle

Vor Unfällen ist kein Lebewesen gefeit: Auch Wildvögel fallen ihnen immer wieder zum Opfer: Sie ertrinken in Tümpeln, erdrosseln sich in Astgabeln, werden Opfer von Dornen, Kletten etc. In der Natur sind solche Verluste "eingeplant" und für die Art nie bedrohlich; viele Gefahren werden zudem instinktiv vermieden. Heimvögel hingegen leben in einer künstlichen weil vom Menschen hergestellten Umwelt, an die sie sich nur begrenzt anpassen können. Kundige Vogelhalter versuchen natürlich, ihre Volieren an die Bedürfnisse ihrer Pfleglinge anzupassen, und vermeiden so viele Verluste. Anders sieht es für jene Heimvögel aus, die zeitweise oder gar ständig außerhalb eines Käfigs "frei" in der Wohnung ihrer Pfleger leben. Deren Gefährdung wird hier betrachtet.

Die Gefahren einer für und von Menschen gestalteten Wohnumgebung sind außerhalb ihrer Volieren für Heimvögel eigentlich unendlich, denn fast alles widerspricht ihren vererbten Verhaltensweisen oder gesammelten Erfahrungen. Fast alles kann ihnen so zum Verhängnis werden. Es gibt aber eine Reihe von Ausstattungsmerkmalen unserer Wohnungen, die aus trauriger Erfahrung besonders häufig zu Verletzungen und Todesfällen führen. Diese werden in der folgenden Liste vorgestellt und dann kommentiert.

Gefahren außerhalb der Voliere

Öffnungen in die "Freiheit" (gewohnheitsmäßig) offene Käfigtüren, undichtes Volierengitter; offene Fenster und Türen (besonders beim sog. "Frühjahrsputz")
Zugluft offene Fenster und Türen, falsche Position der Voliere (Erkältung)
Zu hohe Temperatur Aufstellung der Voliere am falschen Ort: z. B. vor einem Südfenster, in einem Wintergarten mit Dachfenster etc. (Hitzestau, Herzschlag)
Unsichtbare Hindernisse ungesicherte Fensterscheiben, plötzlich geschlossene Türen (Aufprall)
Spalten, Flüssigkeiten Spalten zwischen Wand und Voliere oder Möbeln; offene Schubläden, Vasen, Aquarien, Töpfe, Schüsseln, WC (Zerquetschen, Ertrinken)
Textilien Gardinen, Wolle, Schlaufen etc. (Erdrosselungsgefahr!)
Heizgeräte Ofen, Herd, Toaster, Elektrogrill etc. (Verbrennen)
Elektrischer Strom  Steckdosen, Fassungen, ungesicherte Stromleitungen und Elektrogeräte
Chemikalien  Lasuren und Lacke auf Holz und Metall, chemische Ausdünstungen aus Möbeln, Wänden und Böden, Bleikugeln in Gardinen, lose Kunststoffe, Reste von Putzmitteln, Sprays zur Kleiderbehandlung und Insektenbekämpfung, Gift gegen Ratten und Mäuse (Vergiftung!)
Mitbewohner Mitbewohner Unvorsichtige Menschen, Haustiere, z. B. Katzen (Quetschen, Töten)
  1. An plötzlicher "Freiheit" gehen viel mehr Stubenvögel zugrunde, als der Vogelfreund denkt. Entflogene Vögel sind nämlich ein Thema, das gerne gemieden wird: Wer möchte schon zugeben, daß ihm selbst solch ein Fehler unterlaufen ist. Hört man sich aber unter Verwandten und Bekannten einmal um, wird man immer wieder davon zu hören bekommen:
        Da ist der gerade gekaufte Wellensittich oder Kanarienvogel aus der Transportschachtel gestürzt und durch das offene Fenster entkommen, das man vor lauter Ungeduld ganz vergessen hatte; da ist der ungenügend gesicherte Käfigboden plötzlich 'runtergefallen, und schon war das liebe Tier weg; da hatte der verzweifelte Vogelhalter wirklich jeden Winkel seiner Voliere abgesucht, bis ihm zufällig ein winziges Loch im Drahtgeflecht auffiel; da hatte sich die Familie so an den täglichen Freiflug des gefiederten Freundes gewöhnt, daß sich die Hausfrau beim Frühjahrsputz der Gefahr überhaupt nicht mehr bewußt war; da hatte man den Sohnemann wirklich nur kurz aus den Augen gelassen, und mancher "Ornithologe", der sein Fenster regelmäßig "auf Kippe" stehen hat, war fest überzeugt, daß sein Vogel nie auf die Idee käme, sich durch diesen Spalt in die Freiheit zu zwängen. Die Liste läßt sich leicht fortschreiben.
        Daß Exoten die so gewonnene Freiheit nicht nützt, braucht nicht erläutert zu werden. Profitieren werden von solchen Unglücken nur Katze und Sperber.
  2. Zugluft führt zu Erkältung und somit schnell zum Tode. Die Gründe sind Verantwortungs- und Gedankenlosigkeit: Oft wird einem Vogelkäfig der Platz im Zimmer zugewiesen, wo er "optisch" hinpaßt bzw. weniger stört und wo das zu erwartende Schmutzaufkommen noch erträglich erscheint. Wenn dieser Platz dann in einer Zugluftschneise ist, hat der Vogel Pech gehabt: Entweder es fällt niemanden auf, oder der Vogel "wird sich schon dran gewöhnen". Anzeichen für Zugluft sind z. B. allzu häufige Mauser und Schnupfen. Bevor man einen Standort für eine Zimmervoliere aussucht, sollte man sich dort längere Zeit hinsetzen und lesen; dann wird man Zugluft schnell spüren. Kistenkäfige können ebenfalls Zugluft abhalten.
  3. Die Anmerkungen über Zugluft gelten auch für Hitze und stickige Luft, unter denen auch wärmegewöhnte Exoten sehr leiden. Es ist wirklich unglaublich, was manche "Vogelfreunde" in dieser Hinsicht ihren Tieren zumuten, während sie selbst in kühleren Teilen der Wohnung oder unter Markise oder Sonnenschirm Zuflucht suchen. Bewegliche Volieren sollten also bei Hitze an einen kühleren Ort gerollt werden, wenn sie dort nicht ohnehin ihren festen Platz finden können; und ausreichende Lüftung muß nicht Zugluft bedeuten!
  4. Daß durchsichtige Fensterscheiben von anfliegenden Vögel nicht erkannt werden und daher durch Gardinen, Rolläden etc. zu sichern sind, ist allgemein bekannt. Aber auch eine Zimmertür oder Volierenklappe kann dem Tier zum Verhängnis werden, vor allem, wenn es schon öfters durch die Öffnung geflogen ist und daher nicht mit einem plötzlichen Zuschlagen rechnet. Auch wendige Vögel können dann dem plötzlichen Hindernis nicht mehr ausweichen und brechen sich an der Türkante das Genick. Türen und Klappen sind also stets langsam zu schließen.
  5. Eine große Gefahr stellen alle Arten von engen Spalten und Löchern dar, aber auch größere Öffnungen, wenn ein Gefäß Flüssigkeit enthält. Sollte ein Ziervogel in eine Vase mit Wasser geraten, so ist dieses Gefäß unverzüglich an Ort und Stelle auszukippen. Alle Gefäße müssen daher außer Reichweite oder geschlossen sein. Das gilt auch für die Spalten hinter Volieren und Schränken: Im "Freiflug" erkunden Käfigvögel gerne das Dach ihrer Voliere und auch der Schränke im Zimmer; dort oben fühlen sie sich relativ sicher. Irgendwann geraten sie aber zu nahe an die Hinterkante und fallen in den Spalt. Panisches Strampeln läßt sie immer tiefer rutschen. Wenn der Pechvogel entdeckt wird, folgen oft Rettungsversuche mit Besenstielen oder durch Möbelabrücken, die aber nicht selten zu schweren Verletzungen führen.
        Es ist daher zwingend notwendig, diese Spalten abzudecken, etwa mit schmalen Streifen aus Sperrholz oder Hartfaserplatte. Da solche Streifen auch einmal verrutschen können, ist es sicherlich besser, die Lücke zwischen dem Möbel und der Wand dauerhaft zu schließen. Aluminiumprofile eignen sich sehr gut dazu. Zwei Beispiele:
    Alu-T- und L-Profil
    1. Ein sogenanntes T-Profil wird mittels zweiseitiger Klebestreifen oder eines geeigneten Klebstoffs auf die Hinterkante des Schranks bzw. der Voliere aufgeklebt. (Nachteile: Es läßt sich nur schwer wieder entfernen, und die zwei waagerechten Schenkel sind relativ kurz.)
    2. Wenn die Rückwand z. B. einer Voliere mit Holz- oder metrischen Schrauben auf den Korpus aufgeschraubt wird, sollte man ein einfaches Winkelprofil im gleichen Abstand wie die Löcher an der Rückwandoberkante der mit Bohrungen versehen und dann durch diese Löcher mit festschrauben.
  6. Ausgerenktes Bein
    Das Bein ist am Kniegelenk (an der Spitze des Ringfingers) aufgekugelt und steht vom Körper ab.

  7. Grobmaschige Gardinen, umherliegende Wolle oder Bindfäden etc. sind ein weiteres Ausstattungsmerkmal unserer Wohnungen: Vögel können in ihnen mit ihren (zu langen) Krallen hängenbleiben und sich ihre Beine verstauchen, verrenken oder brechen; oder sie geraten mit dem Kopf in sie hinein und erdrosseln sich. Nur ständige Wachsamkeit hilft hier.
  8. Alle "Heizgeräte", d. h. Geräte, die Hitze erzeugen, sind für Heimvögel gefährlich, da die Gefahr in der Regel unsichtbar lauert: Kochplatten, Öfen etc. werden extrem heiß, ohne daß Flammen sichtbar sind.
  9. Das ist bei elektrischem Strom nicht anders, dessen Wahrnehmung meist schon den Tod bedeutet. Wir Menschen können ihn ja nur meiden, wenn wir um seine Existenz wissen. Besonders Krummschnäbeln kann ihre Neugier schnell zum Verhängnis werden, wenn ein Kabel nicht unter Putz oder in kräftigen Metallrohren verlegt ist. Ein "Fehlerstromschutzschalter" kann das Schlimmste verhindern.
  10. Vor Chemikalien können wir uns selbst als Erwachsene oft nicht schützen: Von vielen chemischen Gefahren erfahren wir erst durch schreckliche Unfälle, medizinische Untersuchungen und Gerichtsprozesse. Unseren gefiederten Hausgenossen sollten wir also alle Kontakte ersparen, die wir uns selbst und unseren Kindern auch nicht zumuten würden – zumal ein winziger Vogelkörper wahrscheinlich empfindlicher auf viele Stoffe reagiert.
  11. Nicht zuletzt sind wir selbst und unsere tierischen Kumpane eine ständige Gefahrenquelle: Wie viele Wellensittiche mögen schon durch eine unbedachte Körperbewegung im Sessel zerquetscht, auf dem Fußboden totgetreten oder in einem unbewachten Moment von Kater Felix erbeutet worden sein? Lassen Sie sich nicht von jenen immer wieder in Illustrierten und Tageszeitungen veröffentlichten Fotos täuschen, die Katz und Vogel in perfekter Harmonie zeigen ... Außerdem wollen Stubenvögel nicht immer dann in ihren Käfig zurück, wenn ihr Besitzer dies will. Bei den folgenden Fangversuchen ist mancher Vogel schwer verletzt worden oder umgekommen.

Gerade die letzten Punkte zeigen, daß Unfälle letztlich nicht völlig vermeidbar sind. Für diese Erkenntnis gibt es nur eine Konsequenz: Lassen Sie Ihre Vögel in der sichereren Voliere! Nun gewähren aber tierliebe Menschen ihren Vögeln gerade deshalb "Freiflug", um ihnen eine (übrigens auch in § 2 des Tierschutzgesetzes geforderte) "artgemäße Bewegung" zu ermöglichen.
    Artgemäß ist ein solcher "Freiflug" jedoch, wie gesehen, nicht. Also muß die Voliere artgerecht ausgestattet sein und der Bedeutung ihres Namens gerecht werden: Sie muß Raum bieten für alle täglichen Aktivitäten Ihrer Vögel, und das heißt: vor allem fürs Fliegen. Wer sich selbst 60, 80 oder 100 m² Wohnfläche gönnt, müßte doch – je nach Art – ein, zwei oder mehr Quadratmeter für eine Voliere für seine Mitbewohner entbehren können. Für ein eigenes Reich also, in dem Vögel das wiederfinden, für das sie die Evolution geformt hat.


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