Trauma für Vogel und Mensch:

Sekundäre Gangrän (Nekrose)

Sekundäre Gangrän

Jeder Vogelhalter weiß es: Allzu langes und dünnes, verfilztes oder verknäueltes Nistmaterial stellt eine große Gefahr für seine Tiere dar, die sich darin unentrinnbar verfangen und strangulieren oder die Füße abschnüren können. Also wählt man die Fasern sorgfältig aus und beobachtet die Vögel täglich, um notfalls schnell eingreifen zu können. Ein Zebrafinkenweibchen des Autors mußte dennoch schlimme Erfahrungen mit falschem Nistmaterial machen: Er hatte nicht mit der Schlamperei eines Händlers gerechnet ...

Das Herz klopfe mir wohl noch mehr als dem kleinen Patienten in meiner Linken Hand: Vorsichtig zog ich das rechte Bein zwischen zwei Fingern hindurch und fixierte es, dann schnitt ich mit einer scharfen Nagelschere den schwarzen, abgestorbenen Vorderfuß mit allen vier Zehen ab. Die Blutung wurde mit blutstillender Clauden-Watte gestillt und die Wunde wie am Vortage desinfiziert, bevor der Vogel in einen selbstgebauten Krankenkäfig gesetzt wurde, der mit weichem Küchenpapier ausgelegt war. Ein völlig unnötiger Unfall hatte ein böses Ende gefunden.

Schreckliche Unfälle und Verstümmelungen werden nicht nur durch eingewachsene Fußringe oder Hängenbleiben mit Ringen verursacht, sondern ebenso durch falsches Nistmaterial, etwa Kokosfaser-Knäuel. Der Grund des Übels war hier in einem großen Berg Flachsfaser ("Werg") zu suchen, den ich vor Jahren von einer großen norddeutschen zoologischen Versandhandlung bezogen hatte: Neben Kokos- und Jutefasern bekamen meine Zebrafinken immer auch geringe Mengen dieses Leinproduktes, das sie aufgrund seiner weichen und wolligen Beschaffenheit gerne für die Auspolsterung ihrer ansonsten fertigen Nisthöhlen aus einer Raufe zupften und eintrugen. Nur einmal wickelte sich etwas Flachsfaser um ein Vogelbein; durch seine beige Färbung war es aber auffällig genug, um gleich entdeckt zu werden, und es ließ sich auch problemlos mit den Fingern abzupfen.

Irgendwann tauchten dann ganz vereinzelt rote Stränge in den Flachsfasern auf, die aber keine Besorgnis auslösten. Gefärbte Fasern würden den Vögeln schon nicht schaden. Diese Gutgläubigkeit rächte sich bitter, als mir bei der täglichen Kontrolle ein weiblicher Zebrafink durch ein eigenartiges hinkendes Hüpfen auffiel: Erst bei ganz genauem Hinsehen entdeckte ich am rechten etwas angezogenen Fuß eine ganz feine rote Faser, die aufgrund ihrer Farbe an dem rosafarbenen Fuß kaum zu sehen war und offenbar die Zehen einschnürte. Sofort fing ich den Vogel heraus und untersuchte den Fuß mit einer Lupe ganz genau: Die dünne Faser bestand nicht etwa aus Flachs, sondern aus einem sehr dünnen, aber reißfesten Kunststoff, und sie hatte sich bereits extrem tief gleich über den Zehen in den Fuß eingeschnitten, der hier stark angeschwollen war. Die kleinste Zehe hatte sich schon verfärbt!

Jetzt war Eile geboten: Ich entfernte die Kunststoffaser mit Hilfe einer kleinen spitzen Nähschere und einer Pinzette, kontrollierte das Ergebnis mit einer Lupe und desinfizierte die Wunde. Für die kleine Zehe bestand keine Hoffnung mehr, aber die übrigen waren noch normal gefärbt und weich und beweglich. Da die Blutzufuhr wiederhergestellt war, hoffte ich auf eine schnelle Heilung.

Leider trog diese Hoffnung: Am nächsten Tag waren alle Zehen schwarz, hart und verschrumpelt (siehe Foto), und ich mußte mit schweren Herzens zur Amputation entschließen, um den Vogel zu retten. Der unmittelbare Grund: eine sekundäre Gangrän, also Gewebstod (Nekrose) infolge Durchblutungsstörungen durch Abschnürung des Fußes. Die Amputation des abgestorbenen Körperteils ist bei dieser Diagnose die einzige Methode, den Krankheitsprozeß zu stoppen; wenn irgend möglich, muß sie aufgrund des Tierschutzgesetzes ein Tierarzt durchführen, da nur dieser die notwendige Narkose vornehmen und auch besser gefährliche Blutungen verhindern kann.

Erstaunlich war das relativ ruhige Verhalten des kleinen Patienten, der während und nach der Operation keine akute Erschöpfung zeigte. Das Weibchen saß zunächst stundenlang auf dem Boden, nahm aber zu meiner Erleichterung noch am selben Tag wieder Futter und Wasser auf. Am nächsten Tag zog es sich in ein Korbnest zurück, wo es, von den notwendigen Nahrungsaufnahmen abgesehen, die folgenden Tage verbrachte, ohne einen Laut von sich zu geben. So konnte es sich gut erholen und den Blutverlust ausgleichen. Am sechsten Tag war das Tier plötzlich wieder lebhaft und nahm stimmlichen Kontakt mit seinen Schwarmgenossen im Nebenzimmer auf, so daß es wieder in die Zimmervoliere entlassen wurde. Hier konnte es sich in den ersten Minuten nicht auf der Stange halten und wetzte den Stumpf verzweifelt auf den Stangen und Zweigen in dem vergeblichen Versuch, diese damit zu greifen; bald aber stellte es sich auf seine Behinderung ein und bezog schließlich gar mit seinem Partner wieder ein neu errichtetes Nest.

Der schmerzliche Vorfall beweist, wie wenig man sich manchmal auf die Werbeaussagen des Zoohandels verlassen kann. Der Händler hätte das Material prüfen und die Kunststoffverunreinigung bemerken und rügen können. Kokos-, Jute- oder Flachsfaser z. B. sind nämlich keineswegs schon deshalb geeignetes Nistmaterial, weil sie im Zoohandel verkauft werden! Gerade Produkte, die gar nicht in erster Linie für die Tierhaltung hergestellt wurden, müßten eigentlich vom Handel genauestens auf ihre Verwendbarkeit hin überprüft werden. Da dies aber offenbar nicht immer der Fall ist, sollte der Kunde bei Waren aus dem Zoohandel die gleiche Vorsicht walten lassen wie bei Waren für den menschlichen Gebrauch!


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